Julia

Tschaikner

STUDIO RESIDENZ SEPTEMBER 2026 des Landes Oberösterreich. Schlossmalerin im SCHLOSS WEINBERG, Kefermarkt / AT

Amt der oberösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kultur. Kunstsammlung des Landes Oberösterreich.

 

Palimpseste der Erinnerung. Malerei als poetische Topographie“ – Kurztext

Im Zentrum meines geplanten Arbeitsvorhabens steht die Weiterentwicklung einer seit über einem Jahrzehnt verfolgten Werkserie, in der ich mit gebrauchten Buchdeckeln als malerischem Trägermaterial arbeite. Das Buch – in seiner physischen wie symbolischen Form – fungiert dabei nicht mehr primär als Vermittler von Text, sondern als vielschichtiger Ort visueller Resonanz. Es wird zum palimpsesthaften Körper, in dem Spuren von Inhalt, Gebrauch und Material sedimentiert sind und in malerischer Geste weitergeschrieben werden.

Die Deckel stammen zumeist aus dem Umlauf ausgeschiedenen, inhaltlich heterogenen Büchern. Sie tragen Gebrauchsspuren, thematische Prägungen, typografische Reste und Farbveränderungen, die nicht ausgelöscht, sondern durch lasierende, gestische oder fragmentarische Malerei poetisch überlagert werden. In diesem Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarkeit und Verdecken, zwischen Oberfläche und Geschichte, entstehen Bildräume, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entziehen und stattdessen offene Denk- und Imaginationsräume erzeugen.

Das geplante Stipendium im Schloss Weinberg würde mir ermöglichen, diesen künstlerischen Ansatz räumlich und kontextuell zu erweitern – unter anderem durch die Recherche vor Ort nach aussortierten oder überlassenen Büchern als Ausgangsmaterial. Von besonderem Interesse ist dabei das Buch als lokal verankerter Gegenstand: Bücher aus Archiven, Bibliotheken, privaten Beständen oder institutionellen Kontexten tragen Diskurse und Erinnerungsfragmente in sich, die in meine Arbeit integriert und transformiert werden können.

In theoretischer Hinsicht verortet sich das Vorhaben an der Schnittstelle von Palimpsest-Ästhetik, Materialpoetik und künstlerischer Archäologie. Der Buchdeckel fungiert dabei nicht als bloßer Bildträger, sondern als dialogischer Resonanzkörper von Vergangenheit, Geste und Gegenwart.

Ziel der Residenz ist die Realisierung einer neuen Werkgruppe, gegebenenfalls ergänzt durch eine ortsbezogene Präsentation.

Palimpseste der Erinnerung. Malerei auf Buchdeckeln als poetische Topographie“ – Langtext

Im Zentrum meines geplanten Arbeitsvorhabens steht die Weiterentwicklung einer seit über einem Jahrzehnt verfolgten Werkserie, in der ich mit gebrauchten Buchdeckeln als malerischem Trägermaterial arbeite. Das Buch – in seiner physischen wie symbolischen Form – fungiert dabei nicht mehr primär als Vermittler von Text, sondern als vielschichtiger Ort visueller Resonanz. Es wird zum palimpsesthaften Körper, in dem Spuren von Inhalt, Gebrauch und Material sedimentiert sind und in malerischer Geste weitergeschrieben werden.

Die Deckel stammen zumeist aus dem Umlauf ausgeschiedenen, inhaltlich heterogenen Büchern. Sie tragen Gebrauchsspuren, thematische Prägungen, typografische Reste und Farbveränderungen, die nicht ausgelöscht, sondern durch lasierende, gestische oder fragmentarische Malerei poetisch überlagert werden. In diesem Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarkeit und Verdecken, zwischen Oberfläche und Geschichte, entstehen Bildräume, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entziehen und stattdessen offene Denk- und Imaginationsräume erzeugen.

Das geplante Stipendium im Schloss Weinberg würde mir ermöglichen, diesen künstlerischen Ansatz räumlich und kontextuell zu erweitern – unter anderem durch die Recherche vor Ort nach aussortierten oder überlassenen Büchern als Ausgangsmaterial. Von besonderem Interesse ist dabei das Buch als lokal verankerter Gegenstand: Bücher aus Archiven, Bibliotheken, privaten Beständen oder institutionellen Kontexten tragen Diskurse und Erinnerungsfragmente in sich, die in meine Arbeit integriert und transformiert werden können.

In theoretischer Hinsicht verortet sich das Vorhaben an der Schnittstelle von Palimpsest-Ästhetik, Materialpoetik und künstlerischer Archäologie. Der Buchdeckel fungiert dabei nicht als bloßer Bildträger, sondern als dialogischer Resonanzkörper von Vergangenheit, Geste und Gegenwart.

Im Kontext meines Arbeitsvorhabens – der Weiterentwicklung malerischer Überlagerungen auf gebrauchten Buchdeckeln – eröffnet diese Konstellation ein fruchtbares Spannungsfeld zwischen Materialrecherche, gestischer Transformation und poetischer Bildproduktion. Die Buchdeckel fungieren in meiner Arbeit nicht mehr als Träger von Text, sondern als palimpsesthafte Körper: Sie tragen Spuren des Gebrauchs, thematische Prägungen, typografische Relikte – sedimentierte Bedeutungen, die durch malerische Eingriffe nicht gelöscht, sondern überlagert und transformiert werden.

Theoretisch lässt sich das Vorhaben im Spannungsfeld von Palimpsest-Ästhetik, Poetik des Materials verorten. Die Palimpsest-Ästhetik beschreibt eine bildnerische Praxis, in der Spuren, Überlagerungen und Durchscheinendes nicht ausgelöscht, sondern bewusst erhalten und weitergeschrieben werden. Die Poetik des Materials verweist auf den eigenständigen Ausdruckswert des Trägermediums – etwa durch Gebrauchsspuren, stoffliche Qualitäten oder typografische Reste –, die in die Bildsprache integriert werden.

Im Sinne Aby Warburgs ließe sich sagen: Es handelt sich um ein Mnemosyne-Projekt, in dem das Material selbst zum Gedächtnisträger einer fragmentarischen, gestischen Bildsprache wird. In dieser theoretischer Anlehnung versteht sich meine Arbeit als visuelles Erinnerungsfeld, in dem Bilder, Materialien und kulturelle Fragmente in neue Konstellationen treten. Warburgs Atlas war kein geschlossenes System, sondern eine offene Anordnung von Bild- und Bedeutungsträgern, die durch ihre Nachbarschaft Resonanzen erzeugen. Ähnlich fungieren die bemalten Buchdeckel in meinem Projekt als speichernde Oberflächen, in denen sich individuelle und kollektive Erinnerung, gestische Setzung und materielle Spur überlagern.

Die Arbeiten entstehen somit nicht im Sinne linearer Narration, sondern als ikonologische Felder, in denen das Bild zur Denkform wird – offen, fragmentarisch und im Zwischenraum von Vergangenheit und Gegenwart situiert. Die Buchdeckel erscheinen nicht als abgeschlossene Werke, sondern als Elemente einer offenen, poetischen Struktur: eine topographische Setzung von Erinnerung und Geste im Ausstellungskörper.

Ziel der Residenz ist die Realisierung einer neuen Werkgruppe, gegebenenfalls ergänzt durch eine ortsbezogene Präsentation.

Vom Umlauf in die Oberfläche – Recherche als poetisch-archäologischer Prozess

Ein zentraler Bestandteil meines geplanten Arbeitsaufenthalts im Schloss Weinberg ist die ortsbezogene Recherche nach ausgesonderten, überlassenen oder vergessenen Büchern, die nicht nur als Material sondern als Träger von Erinnerung in die künstlerische Arbeit einfließen.

Im Zentrum steht dabei weniger der literarische oder dokumentarische Gehalt der Bücher als vielmehr ihr Bezug zu kollektiven Architekturen von Wissen, Archiv und kultureller Erinnerung. Gebrauchsspuren, Einbandgestaltung, handschriftliche Einträge oder thematische Fragmente fungieren als Resonanzträger eines vielschichtigen Vorlebens.

Die Recherche folgt einem poetisch-archäologischen Ansatz, bei dem das Fundstück nicht isoliert, sondern in seiner Konstellation aus Form, Kontext und Geschichte wahrgenommen wird.

Ein wesentlicher Aspekt dieses Prozesses ist der Austausch mit lokalen Akteur:innen – etwa Bibliotheksleiter:innen, Archivar:innen oder ehrenamtlich Tätigen. Bereits bestehende Kontakte zur Pfarrbibliothek Kefermarkt  ermöglichen eine konkrete Anbindung: Dort werden aus dem Bestand genommene Bücher für das Vorhaben bereitgestellt und eröffnen so erste Ansatzpunkte für die malerische Weiterverarbeitung und kontextuelle Verflechtung des Materials mit dem Ort.

Ortsspezifische Präsentation – Archive als Resonanzräume

Im Sinne einer prozessualen künstlerischen Forschung ist 2027 eine ortsbezogene Präsentation der im Rahmen der Residenz entstandenen Arbeiten geplant. Eine solche Ausstellung ist nicht als retrospektive Schau abgeschlossener Werke zu verstehen, sondern als temporäre Verdichtung von Fundstück, malerischer Geste und lokalem Resonanzraum.

Text: © Julia Tschaikner, 2025

ENG