AFTERIMAGE
Am Anfang steht eine Beobachtung über die Fragilität von Sprache: Wenn demokratische Strukturen erodieren, verschieben sich zuerst die Begriffe, die gesellschaftliche Räume tragen. Bevor ein Recht fällt, verliert das Wort, das es benennt, an Geltung – es wird ersetzt, umgedeutet, zur Prüfung markiert, leise aus dem administrativen Vokabular gestrichen. Diese Form der Auslöschung gibt sich selten als Zensur zu erkennen. Sie tritt nicht als Verbot auf, sondern als Abwesenheit: als Lücke, als das nicht mehr Vorgesehene. Genau hier setzt Afterimage an. Das Quellenmaterial sind dokumentierte Fälle administrativer Sprachsteuerung in den USA – Begriffe aus Gleichstellung, Wissenschaft, Gesundheit, Gender, Minderheitenschutz und Klima, die seit 2017 und erneut ab 2025 in Behördenkontexten vermieden, ersetzt, entfernt oder markiert wurden. Ein Vokabular des Gefährdeten, das die Serie nicht zitiert, sondern in einen malerischen Vorgang überführt.
Der Auftrag erfolgt mit dem Pinsel, auf Glas – auf Fenstern, Scheiben, Fassaden. Wort für Wort wird geschrieben, überlagert, überschrieben, bis die Lesbarkeit kippt – ein Palimpsest, in dem die jüngste Schicht die ältere verdeckt, ohne sie ganz zu tilgen. In diesem Übergang bricht die semantische Ebene weg: Was als Schrift beginnt, geht in die rhythmische Logik der Geste über. Die Farbe hält die Spur, während die Bedeutung entgleitet; der Fleck wird zum verdichteten Farb- und Resonanzraum. Der Pinselstrich ist dabei weniger expressive Setzung als indexikalische Markierung – Aufzeichnung eines Vorgangs, Zeugnis einer Bewegung, die stattgefunden hat. Afterimage steht damit im erweiterten Feld der Malerei: weniger Bild als Prozess, weniger Aussage als Spurensicherung.
Die Farbe ist wasserlöslich und biologisch abbaubar. Sie löst sich – je nach Witterung von selbst, bei Regen oder Gewitter von der Scheibe gewaschen. Tropfen werden zu Bändern, die im Wind ziehen; die Schrift verläuft, bevor sie sich festsetzt. Was die Hand mit dem Pinsel setzt, nimmt das Wetter zurück. Damit verschiebt sich die Autorschaft ins Prozessuale: Die Witterung wird zum Mit-Autor, der Zerfall zum Bestandteil des Werks. Afterimage archiviert die ausgelöschten Begriffe nicht gegen ihr Verschwinden – die Arbeit teilt ihr Schicksal. Sie behauptet die Auslöschung nicht, sie vollzieht sie. Darin liegt eine bewusste Absage an das dauerhafte Objekt und an die Geste des Bewahrens: Statt ein Archiv gegen das Vergessen zu errichten, setzt die Serie Vergänglichkeit als Form. Dass die Farbe rückstandslos in den Kreislauf zurückkehrt, grundiert diese Haltung ökologisch, ohne sie auf eine Materialfrage zu reduzieren – das Verschwinden bleibt politisch codiert.
Im Titel liegt die Denkfigur der Serie. Das Nachbild ist jene optische Erscheinung, die bleibt, wenn der Reiz bereits entzogen ist – ein Bild ohne Gegenstand, das allein in der Wahrnehmung fortbesteht. Übertragen auf die gelöschten Begriffe heißt das: Was administrativ getilgt wird, wirkt als Nachbild weiter, als Resonanz im Affekt und im Gedächtnis derer, die es noch gesehen haben. Die Arbeit bezeugt über die Spur – aber über eine Spur, die selbst vergeht. Die Betrachtenden werden so zum letzten Ort, an dem das Bild überdauert: nicht auf dem Glas, sondern im Nachbild. Diese hauntologische Anlage – Anwesenheit als Abwesenheit, das Fortwirken des Entzogenen – rückt Afterimage in die Nähe gegenwärtiger Auseinandersetzungen mit Gedächtnis, Archiv und seinen Leerstellen.
Dass der Bildträger Glas ist – Fenster, Scheibe, Fassade –, ist kein technisches Detail, sondern Teil der Argumentation. Mit dem Glas rückt eine Schwelle ins Zentrum, die zugleich Architektur und Metapher ist. Das Fenster trennt und verbindet Innen und Außen, Privates und Öffentliches, den geschützten Innenraum und die Straße. Es ist die Stelle, an der ein Haus, eine Institution, ein Gemeinwesen entscheidet, was es nach außen zeigt und was es verschließt – durchsichtig und doch eine Grenze. Auf diese Membran getragen, werden die entfernten Begriffe lesbar als das, was sie politisch sind: Wörter, die gesellschaftliche Räume öffnen oder schließen, die mitbestimmen, wer eintritt und wer draußen bleibt. Die Schrift erscheint auf beiden Seiten zugleich – von innen seitenverkehrt, von außen lesbar –, sodass derselbe Begriff sich unterscheidet, je nachdem, ob man im Raum steht oder vor ihm. Und es ist die Außenseite, die dem Wetter ausgesetzt ist: Die Auflösung vollzieht sich an der Grenze, dort, wo der Innenraum auf das Draußen trifft. Der politische Raum, den die Wörter benennen, und der physische Raum, den das Glas markiert, fallen in eins.
Die verwendeten Wörter entstammen dokumentierten Fällen administrativer Sprachsteuerung in den USA – darunter diversity, equity, inclusion, equality, gender, gender identity, transgender, trans, non-binary, LGBTQ, women, race, ethnicity, disability, vulnerable, underserved, underrepresented, environmental justice, climate crisis, evidence-based und science-based.
Afterimage verschränkt Überlagerung, Fragment und Affekt zu einem Bildraum, in dem Sichtbarkeit und Auflösung im selben Moment erfahrbar werden. Die serielle Anlage ist dieser Erfahrung angemessen: Erosion ist kein Ereignis, sondern ein fortlaufender Zustand, und jede Arbeit ist ein einzelner Befund eines wiederkehrenden Vorgangs. In einem Moment, in dem die Politik der Sichtbarkeit und der umkämpfte Status der Sprache zu zentralen Fragen der Gegenwartskunst geworden sind, situiert die Serie ausgerechnet die Malerei – das langsame, handgeführte, körpergebundene Medium – als Seismograph dieser Erosion. Und sie wählt, anders als die Geste des Festhaltens, die Vergänglichkeit: nicht als Resignation, sondern als präzise Antwort auf das, was sie zeigt.
Werkserie seit 2025
Quellen
zeit.de – US-Seuchenbehörde CDC: verbotene Wörter
pen.org/banned-words-list
opm.gov – OPM-Memo, 29.01.2025
https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-12/us-seuchenbehoerde-cdc-verbotene-woerterhttps://pen.org/banned-words-list/https://www.opm.gov/media/yvlh1r3i/opm-memo-initial-guidance-regarding-trump-executive-order-defending-women-1-29-2025-final.pdf
democracy, diversity