Buch

Deckel

OHNE TITEL

In den übermalten Buchdeckeln entsteht eine bildnerische Topographie aus Fundstück, Geschichte und Geste. Die Bücher – oft gebrauchte, inhaltlich heterogene Objekte – tragen Spuren ihres Vorlebens: Titel, Gebrauchsspuren, thematische Prägungen. Diese materiellen und semantischen Schichten werden durch malerische Überlagerungen nicht ausgelöscht, sondern weitergeschrieben.

Die Malerei – fragmentarisch, figural angedeutet, in lasierender oder gestischer Anlage – verweigert illustrative Lesbarkeit zugunsten offener Bildräume. Es entstehen Übergänge zwischen dem Sichtbaren und dem Angedeuteten, zwischen Inhalt und Oberfläche, zwischen dem Gelesenen und dem Gesehenen.

Im Zentrum steht das Buch als Speicher von Geschichten – real, imaginiert, vergessen. Die künstlerische Geste wird dabei zur Methode archäologischer Verdichtung: Jede Arbeit enthält Spuren verschiedener Zeiten, Kontexte und Wahrnehmungen. Das Speichern ist dabei kein neutrales Bewahren, sondern ein Eingriff, der das Vorgefundene mit jeder Schicht verändert. Die Buchdeckel sind keine Träger von Wissen, sondern Orte, an denen frühere Zustände durchscheinen, zurücktreten und verändert wiederkehren.

Ein besonderer Fokus liegt für mich auf dem Träger. Wenn ich auf Buchdeckeln arbeite, ist der Untergrund häufig ein ungrundierter, textiler Einband. In der seriellen Schichtung reagiert dieses Material unmittelbar: Es entstehen Wasserlinien, Verfärbungen und Setzungen, auch Verbiegungen der Pappe. Diese Spuren sind keine Nebeneffekte, sondern das, was die Arbeit hält – Sedimente eines Prozesses, in dem sich Zeit, Feuchtigkeit und Überarbeitung als sichtbare Restschrift ablagern.

Werkserie seit 2010

Malerei von Julia Tschaikner aus der Serie ohne Titel / Niemandsland