Julia
Tschaikner
Studio RESIDENZ 2026. @ DIE KUNSTSAMMLUNG des Landes Oberösterreich. Schlossmalerin im SCHLOSS WEINBERG, Kefermarkt / AT.
Ein Ausgangspunkt sind gebrauchte Bücher und die in ihnen eingeschriebenen materiellen Spuren von Zeit und Zirkulation. Malerei auf Buchdeckeln begleitet mich schonlange. Während der Residenz wird diese Arbeit um die Buchblöcke und damit um das Papier als eigenständiges Material erweitert.
Die Seiten werden wieder zu Papier. Seitenfolge und Schrift, Papierfasern, Textfragmente, Verfärbungen und Gebrauchsspuren verlieren ihre ursprüngliche Ordnung.
Die Transformation des vorgefundenen Materials bildet einen zentralen Teil des Arbeitsprozesses. Veränderung, Zeit und Trocknung schreiben sich unmittelbar in die entstehenden Oberflächen und Körper ein.
Parallel entstehen neue Malereien auf Buchdeckeln. Schloss Weinberg wird dabei zum ortsspezifischen Recherchefeld. Die Architektur des historischen Turms und die dort nistenden Vögel bilden mögliche Bezugspunkte für die Weiterentwicklung der Motive.
Eine weitere Recherche führt zum Mühlviertler Blaufärberei und zur Arbeit mit Indigo. Von besonderem Interesse ist die Küpenfärbung und der Oxidationsprozess, durch den sich das charakteristische Blau an der Luft entwickelt. Während der Residenz soll dieser Prozess zunächst recherchiert und in ersten Materialversuchen auf seine Verbindung mit Papier und Pulpe untersucht werden.
Und ein Gemälde im Schloss gibt Rätsel auf. Hier überlagern sich nicht nur Farbschichten sondern auch Zeit, Erzählung und gesellschaftliche Deutung.
Die im September entstehenden Arbeiten und Versuchsreihen werden im Anschluss weitergeführt und bilden einen Ausgangspunkt für die folgende Ausstellung in der Schlossgalerie Weinberg im Frühjahr 2027.
Werk im Bestand der Kunstsammlung des Landes Oberösterreich – entlehnbar.
Historie
Die Gräfin heiratete am 4. Februar 1699 Franz Philipp Gottlieb Graf von Thürheim, dessen Familie Schloss Weinberg seit dem 17. Jahrhundert besaß. Von den dreizehn Kindern des Paares starben zehn in frühester Kindheit. Maria Antonia Margaretha starb am 7. April 1720.
Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert. Vermutlich wurde sie um 1680 geboren und war bei ihrer Heirat etwa 18 oder 19 Jahre alt.
Am Porträt von Maria Antonia Margaretha Gräfin von Starhemberg überlagern sich Zeit, Erzählung und gesellschaftliche Deutung.
Die Sage die auf Schloss Weinberg über dieses Gemälde erzählt wird verbindet die Kette mit dem Leben Maria Antonia Margarethas.
Die Gräfin soll sich unfrei gefühlt und gewünscht haben mit einer Kette porträtiert zu werden. Auch die Überlieferung von der „Weißen Frau“ die als Geist durch die Räume des Schlosses spukt wird mit ihr verbunden. Historische Fakten, offene Fragen und spätere Umdeutungen liegen hier eng beieinander.
Die Kette wird zum Ausgangspunkt einer malerischen Recherche. Maria Antonia Margarethas eigene Perspektive bleibt in der Überlieferung eine Leerstelle. An ihr stellen sich Fragen nach weiblicher Abhängigkeit und Selbstbestimmung, nach der Deutungshoheit über ein Bild und danach wie Geschichte über Frauen erzählt wird.
Das Gemälde gehört zum historischen Gemäldestand des Schlosses Weinberg.
Projekt:
Die Beschäftigung mit dem Porträt der Gräfin knüpft an meine prozesshafte und serielle Arbeitsweise an. In meiner Malerei arbeite ich mit bereits geprägten Oberflächen, deren Spuren, Beschädigungen und vorhandene Zeichen keine neutrale Grundlage bilden, sondern eine erste Bildebene die ich aufnehme. Schichtung zeigt unterschiedliche Zeiten, Bedeutungen und Lesarten .
Gemälde verstehe ich als geschichtete Bildkörper. In ihnen lagern sich ursprüngliche Malschichten, spätere Überarbeitungen, Restaurierungen und Spuren der Überlieferung übereinander. Beim Porträt der Gräfin ist diesbezüglichinteressant wann die Kette in das Bild eingefügt wurde: Gehört sie zur ursprünglichen Fassung, oder kam sie erst später hinzu? Diese Ungewissheit erzeugt eine weitere Bedeutungsebene. Die Kette verändert die Lesbarkeit der gesamten Figur und damit auch die Interpretation des Porträts. Je nachdem, welcher Zeitschicht man sie zuordnet, erscheint sie als Teil der ursprünglichen Inszenierung, als nachträgliche Ergänzung oder als Eingriff in die Überlieferung des Bildes.
Darin liegt eine Analogie zu meiner eigenen Malerei. Eine Oberfläche die bereits eine Geschichte besitzt und durch weitere Eingriffe verändert wird. Neue Schichten verdecken Vorhandenes, lassen es zugleich an manchen Stellen wieder hervortreten. Das Bild wird zu einem offenen Gefüge, in dem sich verschiedene zeitliche und inhaltliche Ebenen überlagern. Die Frage, was ursprünglich war und was später hinzugekommen wird selbst zum Bestandteil der Wahrnehmung.
Die Kette erweitert diese Untersuchung zugleich um eine materielle Form der Erinnerung. Als Motiv verweist sie auf die Verbindung von Bild, Körper, Besitz und gesellschaftlicher Zuschreibung. Aus feministischer Perspektive interessiert mich, unter welchen Bedingungen das Bild einer Frau entsteht, gelesen und überliefert wird.
Von Maria Antonia Margaretha sind ein Porträt und wenige biografische Angaben erhalten; ihre eigene Sicht bleibt kaum greifbar. Die Überlieferung ist daher lückenhaft und von Auswahl geprägt. Zwischen den geschichteten Oberflächen des Gemäldes, der hinzugefügten oder möglicherweise ursprünglichen Kette und den heutigen Deutungen entsteht ein offener Raum.
Quelle: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 44, 1882, S. 278–279.
https://de.wikisource.org/wiki/BLK%C3%96:Th%C3%BCrheim,_Franz_Philipp_Gottlieb









Fragestellungen
- Konnte die Dargestellte Einfluss darauf nehmen, wie sie im Bild erscheint und wie die Kette dargestellt wird?
- Welche Formen weiblicher Abhängigkeit und Selbstbestimmung lassen sich an der Kette untersuchen, ohne Maria Antonia Margaretha nachträglich eine bestimmte Haltung zuzuschreiben?
- Wurde das Bild beschnitten, übermalt oder auf andere Weise verändert?
- Gehört die Kette zur ursprünglichen Fassung des Gemäldes?
- Wurde sie gleichzeitig mit der Figur gemalt oder erst in einer späteren Malschicht ?
- Was lässt sich durch UV-Licht, Infrarotaufnahmen oder Röntgen über den Aufbau der Malschichten feststellen?
- Gibt es vergleichbare Frauenporträts aus dem 17. Jahrhundert, auf denen eine Kette oder Fessel dargestellt ist?
- Könnte die Kette zu einer allegorischen oder religiösen Darstellung gehören?
- Wann wurde die Erzählung von der „Weißen Frau“ auf Schloss Weinberg erstmals schriftlich festgehalten?
- In einer Sagensammlung von 1924 erscheint der Geist von Schloss Weinberg als erster Besitzer des Schlosses. Wie hat sich diese Erzählung später verändert?
- Wann und in welchem Zusammenhang entstand die Deutung, die Kette zeige Maria Antonia Margarethas Gefühl der Unfreiheit?
Welche Aufschriften, Etiketten, Stempel, Siegel, Inventarnummern oder älteren Restaurierungsspuren befinden sich auf der Rückseite des Gemäldes und welche Hinweise geben sie auf Herkunft, Datierung, Zuschreibung und frühere Veränderungen?























Erste Versuche und offene Fragen
Die ersten Proben umfassten grobe Buchpulpe, stärker zerfaserte feine Buchpulpe und eine Mischung aus vier Volumenteilen Buchpulpe mit einem Volumenteil Eukalyptuscellulose. Zusätzliche Binder ließ ich zunächst weg, um den Zusammenhalt durch die Fasern selbst zu untersuchen. An der groben Probe zeigte sich bereits beim Gautschen und Pressen, wie sich die zunächst locker verteilten Papierflocken zu einer geschlosseneren Fläche verbanden. Diese inzwischen getrocknete Probe bleibt als unveränderte Referenz erhalten.
Als nächster Vergleich ist eine Mischung mit Birkencellulose im gleichen Verhältnis vorgesehen. Untersucht werden soll, wie sich unterschiedliche Faserlängen und die Verbindung von recyceltem Buchpapier mit frischer Cellulose auf dünne Papierkörper auswirken. Im Mittelpunkt stehen Festigkeit, Biegsamkeit, Oberflächenbildung, Schrumpfung und Verformung während des Trocknens. Die Versuche sollen auch klären, welche Fasermischungen ein späteres Färbebad überstehen. Dafür möchte ich jeweils einzelne Bedingungen verändern und ihre Wirkung anhand vergleichbarer Proben nachvollziehen.













Indigo und Oxidation
Einen regionalen Bezugspunkt bildet die Indigo- und Blaudruckpraxis des Mühlviertels. Zur Zeugfärberei Gutau besteht Kontakt für einen Austausch über die Verbindung von Indigo und Papierfasern. Ihre Erfahrungen mit Japanpapier und dessen langen, stabilen Fasern geben einen weiteren Ansatz für die Materialrecherche.
Mich interessiert insbesondere die zeitversetzte Farbentwicklung bei der Indigofärbung. Der in der Küpe gelöste, reduzierte Indigo oxidiert im Kontakt mit Luftsauerstoff und entwickelt dabei sein Blau. Wie beim Trocknen setzt sich damit ein materieller Prozess nach dem unmittelbaren Eingriff fort. Für meine Arbeit liegt darin die Möglichkeit, Farbe durch das Zusammenwirken von Material, Luft und Zeit entstehen zu lassen.
In weiteren Versuchsreihen möchte ich drei Stadien der Färbung vergleichen: die Färbung der Fasern in der Pulpe, die Färbung eines bereits geschöpften, noch feuchten Papierkörpers und die Färbung nach vollständiger Trocknung. Im Zentrum stehen die Färbung des Fasermaterials und der Verlauf der Oxidation. Ein nachträgliches Bemalen ist für diese Versuchsreihen nicht vorgesehen. Zu untersuchen sind Farbaufnahme und Farbdichte ebenso wie Veränderungen der Oberfläche und des Faserzusammenhalts. Fotografien sollen die einzelnen Stadien festhalten.






















Diese Seite wird laufend aktualisiert und erweitert. Sie dokumentiert den Aufenthalt.
Stand 30.09.2026